„Du wirst deinen Job nicht an die KI verlieren, sondern an jemanden, der die KI einsetzt.“ Klingt klug, hört man überall und ist dennoch ungenau.
Generative KI im Vortrag für die Vorbereitung zu nutzen oder bei komplexen schriftlichen Aufgaben, ja, das kann entlasten und hat Vor- und Nachteile. Im Moment befinden sich diejenigen, die mit KI arbeiten und über die ich im Folgenden spreche, in einer Phase mit Ausprobieren, Testen, Beobachten und Auswerten. Da ich in meinen Coachings und Trainings damit zu tun habe, möchte ich ein paar Beobachtungen, Gedanken und Fragen für die Reflexion teilen. Vielleicht regen sie an, vielleicht gibt es Ergänzungen?
Warum ist die verbale Kommunikation im beruflichen Alltag so bedeutsam? In der Arbeitswelt spielt Zusammenarbeit eine wichtige Rolle - innerhalb einer Organisation und über die Grenzen einer Organisation hinaus. Menschen kooperieren mit anderen aufgrund bestehender Rahmenbedingungen mit Regeln und Vertrauen. Dieses Vertrauen wird gebildet (und bleibt bestenfalls erhalten) über das glaubwürdige Erleben des Gegenübers. Miteinander zu sprechen ist oft die Form, wie Menschen Vertrauen aufbauen - ob im direkten Gespräch, im Vortrag, im Podcast oder Video. Man spürt schnell, ob die “Chemie stimmt” - und zwar über den ersten Eindruck hinaus. Ob jemand vertrauenswürdig erscheint, hängt dabei wesentlich davon ab, ob die Person als authentisch wahrgenommen wird - also ob eine Übereinstimmung zwischen Persönlichkeit, (beruflicher) Rolle und Situation wahrnehmbar ist. Gerade in Zeiten, wo im Social-Media-Bereich oft nicht mehr erkennbar ist, ob Beiträge KI-generiert sind oder von Menschenhand, werden persönliche Begegnungen noch wichtiger. Der Boom der Präsenzveranstaltungen bezeugt es.
Authentisch sein reicht nicht.
Authentisch sein reicht dabei jedoch nicht: Fachliche und persönliche Kompetenz muss transportiert werden - oft über Sprache. Dafür ist Kommunikationskompetenz nötig und um die geht es im Folgenden. Kommunikationskompetenz hängt eng mit den Fähigkeiten des Denkens, der Empathie und der Selbstreflexion eines Menschen zusammen. Diese Fähigkeiten werden im Laufe des Lebens entwickelt, in der frühen familiären Sozialisation, in der Ausbildung und im Beruf - meist durch Auseinandersetzung mit anderen Menschen, Inhalten, (Organisations-)Kultur. Dieses Schleifen der Denk- und Kommunikationsfähigkeit verlangt dem Menschen einige Anstrengungen ab und führt idealerweise dazu, dass dieser individuelle Kompetenzen entwickelt.
Kommunikationskompetenz kann aus konstruktivistischer Sicht nicht erzwungen werden, sondern lediglich angeregt werden. Letztlich entwickeln sie sich im Menschen aus sich selbst heraus. Technologie bildet für diese menschliche Entwicklung keine Abkürzung - und das ist oft auch nicht der Anspruch von Technologie. Sie kann eine Arbeitserleichterung sein, Fehler reduzieren, automatisieren und Schnelligkeit bewirken - im Fall von KI beispielsweise in der medizinischen oder industriellen Diagnostik oder in der Analyse der Häufigkeit von Füllwörtern im Vortrag. In der direkten Kommunikation mit Menschen wird sie ambivalent diskutiert. Wie viel KI ist in der Kommunikation zwischen Menschen sinnvoll, wo liegen Grenzen? Wie kann sie in der persönlichen Weiterentwicklung reflektiert eingesetzt werden, um menschliche Entwicklung positiv zu unterstützen? Diese Fragen sollten diskutiert und reflektiert werden.
Im nächsten Schritt erläutere ich in vier Szenen anhand von Negativbeispielen, welche Probleme auftauchen können, um anschließend zu reflektieren, wie ein sinnvoller Einsatz von KI im Vortrag und allgemein in der Kommunikation weitergedacht werden kann. Am Ende verweise ich auf aktuelle weiterführende Literatur und Medien.
KI in vier Szenen:
- Im Gespräch mit einer Person aus der Hochschullehre kam die Frage auf, wie analytisches und kritisches Denken entwickelt werden kann, wenn Aufgaben und Abschlussarbeiten mit generativer KI gelöst und verfasst werden? Wie könnten Studierende motiviert werden, diese Lern- und Denkanstrengung auf sich zu nehmen?
- Eine junge IT-Fachkraft erzählte mir, dass in ihrer Ausbildung die Aufgaben der Lehrkräfte KI-generiert waren und die Berufsschülerinnen und -schüler ihrerseits die Antworten mit KI generierten. Mit dem Abschluss fragte sich die Absolventin, was sie jetzt überhaupt könne.
- Im Vortragstraining trug eine Führungskraft mit strategischer Verantwortung eine KI-generierte Präsentation vor. Der Vortrag wirkte jedoch unstimmig. Die Inhalte wirkten austauschbar, die Anbindung an das Publikum war nicht ganz gelungen. Die Management-Ebene meldete keine Kritik. Im Coaching-Raum waren wir uns jedoch einig: Die inhaltliche Qualität des Vortrags hatte gelitten.
- Eine Changemanagerin schickte ihrer Führungskraft einen Text für ein kritisches Feedback, denn dieser sollte als Mail mit wichtigen Informationen an die gesamte Belegschaft gesendet werden. Sie bekam ihren Text zurück - mit KI umformuliert. Die Führungskraft hatte sich nicht die Mühe gemacht, den Text selbst zu lesen. Die Changemanagerin gab ihrer Führungskraft ein entsprechendes Feedback.

Bei den Beispielen muss ich an Hartmut Rosas Resonanztheorie denken. Resonanz ist das „In-Beziehung-Treten zwischen Subjekt und Welt“ (Rosa, 2024, S. 285). Ganz vereinfacht ist Resonanz für uns Menschen notwendig, um Sinn, Zugehörigkeit und Lebendigkeit zu spüren. Und Resonanz ist unverfügbar - sie kann nicht erzwungen werden: Sie kann entstehen, wenn Räume dafür geschaffen werden, zum Beispiel auch durch einen guten Vortrag oder eine glaubwürdige und authentische Begegnung. Diese menschlichen Begegnungen können (noch) nicht ersetzt werden und das ist meiner Ansicht nach auch gut so. Es geht möglicherweise um eine Unterscheidung, wann Technologie sinnvoll unterstützen kann, und wo bewusst menschliche Begegnungen erwünscht sind.
Es gibt viele positive Beispiele dafür, wie generative KI im Vortrag und in anderen Kommunikationssituationen unterstützend und arbeitserleichternd eingesetzt werden kann - ohne negative Folgen, beispielsweise für die Gliederung eines Vortrags, für die kritische Analyse von Texten und deren Korrektur sowie die Sprachanalyse eines gesprochenen Vortrages. Es geht also nicht darum, nur die potenziellen Gefahren in solchen Technologien zu sehen. Denn das ist nicht neu: Die Einführung von Taschenrechnern, Suchmaschinen oder Automatisierung führte in der Vergangenheit ebenfalls zu Diskursen, in denen Chancen und Risiken beleuchtet wurden. Die Negativbeispiele von oben zeigen: Hier ist nicht die Technologie selbst der Grund für negative Erfahrungen und Entwicklungen, sondern ein nicht optimaler Umgang damit: fehlende Anpassung der Lernbedingungen, schlechte Führung, Zeitdruck oder die Organisationskultur.
Für Organisationen, Teams und Individuen lohnt es sich, darüber nachzudenken, in welchem Ausmaß, wann und wie generative KI in der zwischenmenschlichen Kommunikation eingesetzt werden soll, und wo die Grenzen liegen sollen. Außerdem geht es darum, eine positive Vision zu entwickeln und diese zu vermitteln. Sicherlich ist dies ein Prozess. Die Herangehensweise des iterativen Ausprobierens und Reflektierens kann dabei hilfreich sein - ebenso ein transparenter Umgang damit. Wichtig wäre es aus meiner Sicht, ehrliches Feedback zu geben und sich als Ausprobierende, Lernende zu verstehen. Dabei sollten Werte, Bedürfnisse und Bedenken der Beteiligten ernst genommen werden und im Dialog besprochen werden. Gerade weil KI die Welt beschleunigt, brauchen Organisationen, Teams und Fachleute dafür ausreichende Reflexionsräume. Erst dann kann gemeinsam überlegt werden, wie wir mit generativer KI leben und arbeiten wollen.
Praktische Gedanken zur Nutzung von KI im Vortrag:
- Den Einsatz generativer KI transparent machen, wenn dies möglich und sinnvoll ist: Generiert Bilder markieren, Hinweis auf Folienlayout visualisieren.
- Den Vortrag proben und kritisch prüfen (wie sonst auch), hier auch unter dem Gesichtspunkt der generativen KI.
- Aktiv ehrliches Feedback von wohlgesonnenen Personen und gegebenenfalls durch KI einholen: Fokus auf Inhalte, sprecherische Präsenz und Kontakt zum Publikum
- Gegebenenfalls Prompts und Vorgehensweise optimieren, selbst Korrekturen vornehmen und kritisch die Verhältnismäßigkeit prüfen.
- Weiter ausprobieren.
Als Coach und Trainerin möchte ich daran erinnern, dass nicht der perfekte Auftritt anziehend und überzeugend wirkt, sondern die Präsenz eines Menschen zu echtem Kontakt führen kann und Resonanz ermöglicht. Diese Kommunikationskompetenz - egal ob im Vortrag oder im Gespräch - kann ein Leben lang weiterentwickelt und verfeinert werden. Im besten Fall kann sie unsere Welt bereichern!
Weiterführendes
- Wer mehr von Hartmut Rosa hören möchte, kann die aktuelle Folge mit ihm im Podcast “Hotel Matze” hören. Es geht darum, warum wir trotz mehr Effizienz immer erschöpfter werden und auch um die Rolle von Technologien in diesem Phänomen.
- Mit seiner ersten Enzyklika will Papst Leo XIV. die Kirche als ethischen Orientierungspunkt in der KI-Debatte etablieren und Wege aufzeigen, wie negative Auswirkungen von KI vermieden oder eingeschränkt werden können.
- Wer gern liest, kann in meinem Buch “Überzeugend sprechen in Podcast und Video”, erschienen bei Springer Gabler, weiter ins Thema der zwischenmenschlichen verbalen Kommunikation eintauchen.

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Bibliografie
Rosa, H. (2024). Resonanz : eine Soziologie der Weltbeziehung (8. Auflage 2024. ed.). Suhrkamp.

